heavymetalPUNKT: Episode 10 – Im Proberaum mit E-L-R

  • T.C.
  • 29. Februar 2020 12:02

Unweit des Bahnhofs Bern werden wir nach zu vielen Eindrücken samstäglicher Geschäftigkeit glücklicherweise in einen komfortablen Kellerraum geführt wo wir von Kerzenlicht besänftigt, von Duftstäbchenrauch eingelullt und unmittelbar entschleunigt werden. Gemütlich und schummrig ist es. Dunkel eingerichtet ist der Raum, in dem uns I. (Bass und Vocals), M. (Drums) und S. (Gitarre und Vocals, von links nach rechts) von E-L-R empfangen. Dominiert wird er eindeutig vom Bandlogo-Banner, das über Mischas Drumkit thront. Gold auf schwarz. Bevor wir mit den Podcastaufnahmen loslegen können, müssen wir uns kurz wiederbeleben, wir stellen die Mikrofone auf, testen eine Runde den Ton. Währenddessen wacht ein Bild von Peter Steele über uns. Pete, der 2010 verstorbene Frontmensch der legendären Band Type O Negative, präsentiert sich uns nackt, nur an einer bestimmten Stelle verpixelt. Weshalb, erklärt S. kurz: «Damit wir die anderen Musizierenden, die diesen Bandraum nutzen, nicht gleich abschrecken.» Wir nehmen Platz. Und sind in dieser Episode von heavymetalPUNKT selbst zu Gast im Kreativraum unserer Podcast-Gäste.


Pete's Anblick macht mich etwas melancholisch – schliesslich hatte ich als Teenie dasselbe Bild von ihm als Poster in meinem Zimmer hängen. Die Musik von Type O eignet sich bestens als Einstiegsdroge in das Subgenre Doom Metal, wie wir in unserer Doom-Episode mit Hannes festhielten. Die Band E-L-R aus Bern war damals noch frisch und schaffte es knapp nicht in unsere Episode, die Anfang Januar 2019 aufgenommen wurde. Dieses Versäumnis holen wir nach, als wir etwas mehr als ein Jahr später den Proberaum betreten, um die Band zu interviewen. Denn als Doom Metal kann man ihren Sound bezeichnen, nicht? Dies wird später noch eingehend debatiert werden.


Es hat sich so einiges getan bei E-L-R in den vergangenen Monaten, und uns interessiert neben Subgenredebatten: Wie haben sie das Jahr 2019 erlebt? Welche Banddynamik hat das Trio, was ist ihre «Origin Story» und welche Impressionen nahmen sie mit von der Tour mit Amenra? Letztere wirkt noch heute nach, wie I. hervorhebt: «Wir haben viel gelernt im technischen Bereich!» S. ergänzt: «Die Routine war wichtig und zu lernen, wie man spontan Sachen flickt. Mein Pedalboard beispielsweise bereitete anfangs Probleme und da waren wir froh um die Hilfe der Crew von Amenra.» I. ergänzt, dass nicht nur die technische Hilfe willkommen war, sondern auch Erfahrungen mit einer etablierten Band austauschen zu können: «Wie geht man zum Beispiel mit einem Scheisskonzert um? Wenn es für uns nicht zu 100% stimmte, stellte sich die Frage, wie man damit umgeht, wenn einen etwas niederschlägt. Denn nach jedem Konzert denkst du: Ah, das und jenes hätte ich besser machen können.»

M. bemerkt: «Es ist natürlich gemein, wenn man ein technisches Problem hat, für das man nichts kann. Das Publikum bekommt einfach den Eindruck, dass etwas nicht funktioniert. Für mich ist dies das Schlimmste, wenn man nichts machen kann. Aber Amenra hatten auch zwei-drei Mal das Problem, dass etwas nicht funktionierte. Das war für uns natürlich gut.» Gut, dass dem Headliner etwas missglückt? Wir lachen. So war es natürlich nicht gemeint. M. erläutert: «Es war wichtig, zu sehen: Auch ihnen passieren Sachen, die sie zum Teil nicht beeinflussen können. Man gibt jeden Abend 150 Prozent, aber manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter und wir haben gelernt, nicht jedes einzelne Konzert auf die Goldwaage zu legen.»



Wie es I., M. und S. sonst ergangen ist, erzählen sie uns ebenfalls. Auch, wie sie zu den Bezeichnungen stehen, welche bemüht werden, um den minimalistischen, doomigen Sound von E-L-R zu beschreiben. I. stellt klar: «Als Doom würde ich unsere Musik nicht bezeichnen. Das waren andere, die versuchten, das irgendwie zu beschreiben und einzuordnen. Atmospheric Post Metal ist wohl der Begriff, den wir am ehesten wählen würden, wenn wir uns auf etwas festlegen müssten.»

Dann hatten wir von heavymetalPUNKT am Ende sogar Glück, dass wir E-L-R nicht in unsere Episode über Doom Metal brachten, wenn dies ohnehin nicht ihre gewählte Selbstbezeichnung wäre? Ungeachtet dessen, welches Subgenre und welche Metal-Spielart nun dahinterstecken mag, die Idee, mit einem minimalistischen Soundteppich maximal aufzufahren, ist E-L-R auf «Maenad» definitiv gelungen.

Wer sich selbst davon überzeugen will, kann einerseits «Glancing Limbs» von E-L-R im Anschluss an die Podcast-Sendung hören, andererseits bei unserem Wettbewerb mitmachen und ein E-L-R-Geschenkpäckli gewinnen. HeAvYmeTal.ch verlost die Debüt-CD «Maenad» von E-L-R inklusive Metall-Pin und gewobenem Patch. Beantwortet folgende Frage und schreibt eure Antwort an podcast(at)heavymetal.ch: Die Musik von welcher Band pflegten I. und S. bei endlosen Autofahrten zu hören?

E-L-R supporten könnt ihr auf ihrer Bandcamp-Page oder direkt bei ihrem Label Prophecy Productions. Dort sind Sounds weiterer unkonventioneller Bands zu entdecken, die sich im weitesten Sinn mit Metal assoziieren lassen. Denn die interessantesten Klänge entstehen sowieso dann, wenn man Mut zu ungewöhnlichen, eigenen Zugängen hat. Das war bei Pete und Type O ja nicht anders. Und so widmen wir unser Gruppenfoto am Ende des Interviews mit E-L-R auch ihm und sagen: Rest in Peace, Peter. Danke für die Musik.


Text und Podcastkonzept: Tomi Metalić
Technische Produktion: Christian Renner
Fotos: 
Patrik Weber