Got a Black Magic Metal: Schammasch und Zeal & Ardor im Dynamo Zürich 14.12.2018

  • T.C.
  • 20. Dezember 2018 20:20

Schammasch und Zeal & Ardor. Avantgardistischer und soulig-rockiger Black Metal. Genau das Richtige für einen eiskalten Dezemberabend. Während wir uns in Dynamo an der Bar mit Bier aufwärmen, planen wir unsere Konzertberichtstrategie – schliesslich sind wir an diesem Freitag nicht nur da, um feierabendlich Gerstensaft zu schlürfen, nein! Wir wollen auch für HeAvYmeTaL.ch berichten. Christian positioniert sich pflichtbewusst und frühzeitig zwischen Bühne und Publikumsabsperrung, um sie mit der Kamera einzufangen, die Konzertstimmung. Claude lässt Letztere derweil auf sich wirken, mutig macht er sich keine Notizen, zumindest keine auf Papier, während ich MacGyvere (is that a word?) und mein Moleskine-Block mit dem Handydisplay beleuchte, damit ich halbwegs erkennen kann, was es da aus mir herausschreibt.

Tage später versuche ich, meine Notizen zu entziffern, und für diesen Bericht zu verwerten. Tage später? Ja. Hey! Es ist kurz vor der Wintersonnenwende und das bedeutet, Black Metal-Fan-Dasein hin oder her: Weihnachtsstress. Doch zurück zum Protokoll, dem zu entnehmen ist:

«Zeal & Ardor. Fulminant-düsterer Einstieg. Erfrischend, dass die Background-Sänger im Vordergrund stehen. Überhaupt erfrischend, Background-Vocals in einer Metal-Band. Manuel ruht in der Mitte, als es sich entfaltet: das Rot. Blutrot. Die Scheinwerfer lassen alles darin baden. Das kann nur eines bedeuten: ’The Riverbed Will Run Red!’ Und tatsächlich, ’Blood in the River', ein Highlight des Debütalbums ’Devil is Fine’ wird angestimmt. Bereits beim vorherigen Song, ’Come on down’, kochte das Dynamo ordentlich. Doch nun, oh glorreiches Chaos, pulsiert alles, headbangt alles, Moment, wessen Haar wird in meinen Bierbecher getunkt??

Das Kettengerassel bei ’Blood in the River’ wirkt live noch brutaler, das Lied bäumt sich auf und geht in Manuels Schrei auf. ’Row Row’, einer der Favs des neuen Albums ’Stranger Fruit’ wird auf das Publikum entlassen und wer vorher nichts bewegte, wippt, schüttelt oder bangt spätestens jetzt etwas. ’You ain’t coming back’, ebenfalls auf dem neuen Album, schraubt die Energie im Saal etwas herunter, dafür fährt Manuel die Drohkulisse warnend und soulig hoch: ’Don’t let anybody tell you that you’re safe.’ No, sir, we won’t. Beim darauffolgenden ’We Never Fall’ schreddern Bass und Gitarre alles nieder, und... » – und? Ab hier, nun, ab hier wird das Geschreibe schwer lesbar. Hatte ich nicht irgendwo noch mehr notiert...?

Nach seinen Eindrücken gefragt, verweist Christian auf eine von Manuels Zwischenbemerkungen: «Als er sich bei Schammasch bedankte, dass sie als Vorband auftraten, obwohl sie eigentlich ein bisschen besser als Zeal & Ardor seien... Das fand ich sympathisch.» Und Claude? Claude hält sich zurück, schickt dann folgenden Text:

«Freitag, 14. Dezember 2018. Basel in Zürich, kein Risikospiel, Dynamo statt Letzi, daher Bier für Erwachsene oder solche, die es sein wollen (und dürfen, natürlich). Als die Saallichter ein erstes Mal ausgehen, stehen jene Musiker auf der Bühne, welche sich Schammasch nennen und in der bald 10-jährigen Geschichte der Band nicht nur Heimatlande emsig bespielt haben. Man kennt sie bereits, vor allem ihre Alben, auf denen Metalmusik dicht verpackt als geradezu symphonisches Hörvergnügen eingespielt worden ist. Und hören muss man sie, weil einem sonst so einiges entgeht im Legat der Klänge, welche von den fünf Mannen um C.S.R. wie ein Katana aus feinsten Schichten edelsten Stahls geschmiedet wird. Layer von Gitarren, welche sich übereinanderlegen, ineinander schmiegen, mit- und gegen einander anspielen und mit menschlichen Stimmen ein Konglomerat bilden, das Sturmböen gleich unablässig über das Publikum fegt und von Bass und Schlagzeug zusammengehalten wird, welche wie feuchte Erde eines ausgehobenen Grabes sich darunter kneten. Lovecraft-Metal könnte man es nennen, um der Band Ehre zu erweisen und Genrediskussionen zu vermeiden (oder  anzukurbeln), literarischer Metal, Konzept-Metal. Wir konstatieren: Die Ansprüche sind hoch, sowohl an die Musiker auf der Bühne wie auch an die Menschen im Publikum, welche sich auf die Klänge einlassen (wollen). Schammasch werden dem gerecht. Das Setting als Ganzes passt, der Mix stimmt, es ist schwierig genug, drei Leadgitarren im Spektrum zu verteilen. Die Band wirkt insgesamt präsent, handwerklich begabt sowieso. Und dennoch, könnte man meinen, dass der eine oder andere Gitarrist den andern nicht immer hört und sich da und dort kleine Ungenauigkeiten einschleichen. Vielleicht waren die Drums arg am Rand platziert oder die Monitore erledigten ihre Dienste nicht zuverlässig? Der Gesamteindruck lässt sich dadurch nicht trüben, Schammasch legen einen gelungenen Auftritt hin und wer sie nicht gesehen hat, muss das nachholen, womöglich sogar ein zweites oder drittes Mal...»

Schammasch! Natürlich! Ich blättere im Schreib-Block und stosse auf diese Notizen zu ihrem Auftritt, denen ich auch Kritisches entnehmen kann. Aber nicht in Bezug auf die Band, sondern die Crowd: «Partiell sehr geschwätziges Publikum, nach Auftrittsbeginn von Schammasch. Okay, es ist Freitag Abend, wir sind an einem Konzert, wir geniessen das Leben, but can’t you take your casual chitchat elsewhere? Schmunzeln. Bei Schammaschs Musik befällt mich eine Ernsthaftigkeit und Humorlosigkeit, wie sie nur im Black Metal vorkommen kann. ’Schweigt!’, will ich schreien, höre aber lieber zu, als sich der Song ’Metanoia’ im Saal entfaltet wie eine Offenbarung – für die wohlgemerkt nicht alle offen sind. Ärger. Doch auch hier helfen Schammasch, man beachte, was in ’Metanoia’ besänftigend festgehalten wird: ’I am surrounded but untouched by all things ill-conceived’. Oh, Schammasch, zu Recht nach der mesopotamischen Sonnengottheit benannt, lehre uns, scheine auf uns! Wir sind nicht würdig!» Und so sorge der Konzertabend in dieser stressigen Dezemberzeit für willkommene Abwechslung und kreierte nichts weniger als: Black Metal Magic.


Fazit: Wer an dem Abend empfänglich war für Magie und nicht nur wegen des Medienhypes um Zeal & Ardor gekommen war, konnte was erleben. Wer es verpasst hat, kann sich die aktuellen Alben von Zeal & Ardor und Schammasch reinziehen und dazu Christians Live-Fotos bestaunen. Eine letzte Notiz will ich teilen und brauche einen Übergang zu diesem, zugegeben, etwas überschwänglichen Eintrag in meinem Notizbuch: In als magisch gespeicherten Momenten ist jegliche Bemühung um analytische Distanz obsolet. Am letzten Freitag war so ein Moment. In dem machte sich Begeisterung in mir breit, die folgendes Gedicht zum Schluss inspirierte:

«Im Dynamo, im Dezember
Bravo! Grandios! Famos!
Schammasch und Zeal & Ardor –
ihnen zu Ehren, schreibt
Psalme und Sonette
ihnen zum Wohlgefallen, errichtet
Schreine und Paläste!»

Bei Black Metal Magic bleibt kein Raum für Understatement. In diesem Sinne, frohes Wasauchimmerihrfeiert und geniesst die Dunkelheit der Wintersonnenwende. Eure HeAvYmeTaL.ch-Redaktion

P.S. Wart ihr auch am Schammasch und Zeal & Ardor im Dynamo und wenn ja, wie gefiel es euch? Schreibt uns!

Text: Tomi Metalić  und Claude Sturzenegger
Fotos: Christian Renner