Bölzer Bandjubiläum: «XI Years Of Lightning»-Birthday Bash

  • T.C.
  • 18. Juli 2019 20:31

Wenn Bölzer für ihr elfjähriges Bandjubiläum zur Birthday Bash ins Zürcher Dynamo einladen, dann ist die Bude voll: «SOLD OUT!» hiess es am Konzerttag des «XI Years Of Lightning». So manche, die dabei sein wollten, konnten nicht mitfeiern. Wir von der HeAvYmeTaL.ch-Redaktion haben hier unsere Impressionen festgehalten sowie Statements der Bands E-L-R, Ashtar und Bölzer gesammelt.

Ein Schädel, von einem Blitzstrahl getroffen, ist das Kennzeichen des Abends und wird an der Kasse des Dynamo Saals in tiefschwarzer Tinte auf die Handgelenke der eintretenden Gäste gestempelt. Wie ein Blitzgewitter wird auch das Line-up an diesem Samstag einschlagen, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, als wir am Eingang den erwähnten Stempel erhalten. Grund der Zusammenkuft ist die bölzersche Birthday Bash: Das Metal-Duo feiert elf Jahre Bandbestehen.

Zu diesem Anlass riefen Bölzer in Zusammenarbeit mit dem Veranstalter Meh Suff! schon vor Monaten und erinnerten via Social Media regelmässig daran, dass die Tickets immer knapper werden. Und tatsächlich, an der Türe veranschlagt steht am Konzerttag auf einem Zettel: «SOLD OUT!»

Wir steigen die endlos scheinenden Treppen hoch zur Bar. Dort trifft die «Happy Hour»-News all diejenigen hart, die es sich am Abend zuvor im Letzigrund mit Ghost und Metallica haben gut gehen lassen. Damit meine ich unter anderem mich. Ich schlürfe einen Kaffeerest aus meiner Keep Cup, mich dürstet es nach mehr, doch die Meh Suff!-Barmenschen bieten mir statt Kaffi Crème Club Mate an. Klar, in der Not trinke ich auch Hipsterkoffein. Aber gleich zwei davon? Ja, schliesslich ist Happy Hour! Mit zwei Bechern Club Mate beladen und geistig noch nicht ganz angekommen schaue ich auf die Uhr: Ist es wirklich erst kurz nach drei Uhr nachmittags? Ich traue meinen Augen nicht und blicke zur Bühne: Stehen auf den Orange-Verstärkern wirklich verdorrte Blumen? Passender Kontrast. Draussen scheint die Sonne, drinnen regiert Doom. Langsam trudeln mehr Leute, die vorhin noch am Limmatufer lümmelten, in den Saal. Sonnenlicht – man entzieht sich dir und verzieht sich ins Dynamo, wo ein Ritual mit dem Newcomer-Trio E-L-R wartet. Wir haben ein Stelldichein mit Kerzen und Räucherstäbchen, die uns einlullen sollen beim Abstieg in die tiefen Bauchhöhlen des E-L-R-Soundmonsters. Song für Song treiben sie alles voran, Bass, Gitarre, Drums und Duo-Gesang, eigenartig und doch beeindruckend passend gemacht. Zwischendurch hackt der Sound etwas ab. Insgesamt führen uns die drei souverän durch ihre Doom-Zeremonie und verlassen nach deren Ende ebenso wortlos, wie sie gekommen waren, die Bühne.


Moment, wie war das noch mit dem geistig infolge «zuviel Party bei Ghost und Metallica» nicht ganz anwesend? Vielleicht war alles ganz anders. Zum Glück kann ich eine zweite Meinung einholen. Claude, wie war die erste Band der Bölzer-Bash für dich?

«15.10 Uhr, Dynamosaal gut gefüllt, in jeder Hand den Becher mit Bier. Happy Hour noch bis 16 Uhr, Klatschen deshalb eher schwierig. E-L-R betritt die Bühne, der Grund, weshalb es sich lohnt, hier pünktlich auf der Matte zu stehen. Nicht ganz einfach zu beschreiben, was das Trio musikalisch so veranstaltet, sphärisch einerseits, klar, wegen der dichten Soundflächen, angelegt durch die rhythmisierende Gitarre von S.M., verfeinert durch raumschaffende Effekte, wuchtig aber auch, weil I.R. am Bass sich nicht scheut, kräftige Akkorde zu schlagen und die Musik voranzutreiben. Am Schlagzeug M.K., welcher in der Lage ist alles zusammenzuhalten, da und dort unterstützende Akzente setzt und dabei – wichtig, wichtig! – nicht zu viel will. Wenn die Vokalistinnen dann im Duett singen, hebt die Musik ab, wird Erlebnis und Momente entstehen, welche mich an Konzerte einer längst vergessenen Band namens ’Miranda Sex Garden’ erinnern. Ob das nun passt? Irgendwann während des Konzerts scheint der Bass etwas verloren zu gehen, verschwindet im Hintergrund, doch lassen sie es sich nicht anmerken, die Drei, und bringen ihr Set zu einem guten Ende.»

Macht Sinn, lieber Claude, doch. Alles ausser «Miranda Sex» whaaat...? Muss ich mal googeln.

Doch zurück zur zweiten Band, die zum Bölzer-Geburtstag geladen wurde: Ashtar. Nach einer kurzen Bühnenumbau-Pause nehmen sie uns noch eine Stufe tiefer in den Abgrund. Dort, wo E-L-R solide Doom-Master sind, dreschen uns Ashtar bereits auf Doktorstufe ihren Doom um die Ohren. Beim stimmigen Licht in Verbindung mit Ashtars entrückter Musik fällt es leicht, in den von Witch N und Lehtinen vorgegebenen Groove zu gelangen und richtig Hunger auf Härteres zu bekommen. Eine Prise Black Metallisches zwischendurch ist bei der Band aus Basel nicht Beigemüse, sondern gehört zu ihrem vollwertigen Metalmenü. An der Gitarre peitscht im Übrigen Hannes – einige werden sich an ihn erinnern aus unserer heavymetalPUNKT-Podcast-Episode zu Doom Metal – astrein als Ashtar-Livegast.


Weil ich nach dem energiegeladenen Ashtar-Gig immer noch etwas angeschlagen bin (sollten die gefühlten drei Liter Club Mate nicht schon eingekickt haben?), gönne ich mir ein Päusli und schnoigge im Merch-Bereich. Beim E-L-R-Stand frage ich nach dem Band-Befinden unmittelbar nach dem Konzert. Selbstkritisch sagt Bassistin Isa: «Wir hätten gern mehr Druck aufgebaut!» Tatsächlich, so schien es mir, wirkten ihre Bandkräfte auf das Dynamo nicht so stark ein wie im intimeren Rahmen des Coq d’or in Olten, wo sie einige Monate zuvor mit Ashtar aufgetreten waren. Die solide Show im Dynamo wird vielen in guter Erinnerung bleiben. Wie erlebt Isa den Band-Alltag soweit? «Wir sind zu dritt und staunen, was alles an Arbeit anfällt... Eine Band ist richtig viel ’Büez’, obwohl es Spass macht. Im Herbst dieses Jahres bringen wir unser Debütalbum raus und freuen uns schon darauf!»

Zurück im Saal stelle ich fest, dass er weiterhin gut gefüllt ist. Briten sind für brootal Sounds berühmt, Bands wie Carcass und Napalm Death waren prägend für Generationen von Blastbeatfans, und mit Grave Miasma auf der Bühne grüsst Grossbritannien. Wir sind hin und weg. Drei Hünen, die ihren Auftritt sehr ernst nehmen, marschieren auf die Bühne und stellen dort ihr musikalisches Kriegslager auf. (Ehrlicherweise dürften wir uns nicht darüber wundern, dass die Musik gefällt – zumindest den Death Metal-Fans unter uns – das Line-up wurde von Bölzer bestens kuratiert.)

Vomitor, aus Australien eingeflogen, klopfen den Saal weiter durch. Das Quartett aus Down Under wirkt eher oldschool im Vergleich zu vorher und wir bewegen wir uns eindeutig mehr Richtung Thrash. Unter uns entbrennt die für Metalheads übliche Subgenrezugehörigkeits-Debatte: Ob das nun thrashiger Death oder deathiger Thrash sei? Sowohl als auch ginge bei der Subsubgenrepolizei durch. Groovige Parts bringen Vomitors Sound zusammen. Auseinander gehen dagegen die Beine des Vokalisten: Talk about manspreading, er scheint es weiterentwickeln und patentieren zu wollen, zieht alle Rockposen-Register und beeindruckt mit seinem Hüftekreisen, sodass wir einen heimlichen Elvis-Fan in ihm vermuten. Blick auf die Uhr, es ist kurz vor 19 Uhr, Vomitor haben ordentlich eingeheizt und siehe da: Die ersten halbvollen Bierbecher fliegen und im Publikum wird ausgelassen gemosht und geheadbangt.


Wir wagen einen Publikumsdemografie-Check: Kaum «ganz junge» Metalheads sind anzutreffen und wir spekulieren, dass dies daran liegen könnte, dass keine der an der am «XI Years Of Lightning»-Festival auftretenden Bands als Einstiegsband taugt; wer hier ist, hat schon ein solides Flair für Metal entwickelt. Da ich Ruins of Beverast, die atmosphärischen, doomig angehauchten Black Metal kultivieren, auf meiner Konzert-Bucket List habe, freue ich mich besonders auf ihren Gig, und bin ob der Sperrigkeit ihres Auftritts etwas konfus. Liegt es an der Soundtechnik? Die war bis anhin makellos. Liegt es an meinem Saalstandort, der kein akkustischer Sweetspot ist? Liegt es an der «Band», die eigentlich nur aus dem multiinstrumentell begabten Alexander von Meilenwald besteht? Dass eine Ein-Mann-Projekt mit derart komplexen Songstrukturen zeitweise Mühe hat damit, live alle Instrumente mit Gastmusikern aufeinander abzustimmen, darf nicht verwundern. Ich geniesse die zwischendurch gelungenen Soundlandschaften und den erneuten Kontrast, doch diesmal entfaltet er sich im Konzertsaal selbst: Wo es vorher richtig ungeniert thrashig war, kippt die Stimmung bei Ruins of Beverast definitiv in ein düster-misanthropisches, zurückhaltendes Grübeln, das sich wiederholt in wütendem Gebell entlädt. Eine Achterbahn der Gefühle, begleitet von einem Thermometerabfall, wie Patrik bemerkt: «Im vorher heissgelaufenen Dynamosaal ist es mit Ruins of Beverast bestimmt 20 Grad kälter geworden.»


Bei Primordeal und ihrem folkigen Metal passe ich und höre nur noch mit halben Ohren hin. Sympathisch scheinen mir die Interaktionen mit dem sich bereits im fortgeschrittenem Heiterkeitsstadium befindenden Publikum, das die Band feiert und den vollen Saal zum Kochen bringt. Der Frontmensch, eine wahrhaftige Rampenwildsau, beeindruckt mit endlos scheinender Energie, und nach ihrem letzten Song ist der Saal definitiv bereit für die Ehrengäste.


Knapp eine halbe Stunde später ist es endlich soweit: HzR und KzR betreten die Bühne und ernten anerkennenden Applaus noch bevor es losgeht, denn schliesslich sind Bölzer sowohl Birthday Boys als auch Gastgeber. Sogleich fällt mystisch-brachiales Soundgeröll auf uns. Riecht es nach Weihrauch? Blitzt es gar im Saal? Die Reizüberflutung gelingt. Bringt alles her, Gold, Weihrauch, Myrrhe, Bölzer zu Ehren! Fallt auf die Knie und huldigt ihnen, XI Years Of Lightning, das soll man hören, sehen, riechen!


Immer wieder herrscht grosses Staunen, dass der bölzersche Riesenlärm auf das Einwirken von zwei (!) Musikern zurückzuführen ist. Wenn wir schon bei Letzteren sind: Fabian und Okoi geben sich irgendwann während ihrer Show respektvoll einen Fistbump. Wir lächeln und schauen uns an, die Bölzer-Bromance, die schon in der Podcast-Episode mit den beiden ein Thema war, ist in vollem Gang und soviel Bandfreundschaft wärmt die Brustgegend. Richtig heiss wird es bei «I AM III»: Schliesslich ist dies der Song, in den wir während der heavymetalPUNKT Podcastsendung tief eingetaucht sind und Interessantes zu Tage gefördert haben. Es kocht und dampft im Dynamo und mir scheint, es blitzt und donnert wie in einem Eruptionsgewitter: «I am the night / I am the fist / A thunderbolt of flaming wisdom».

Etwas müde und verträumt – es ist schon spät und wir sind seit 15 Uhr auf den Beinen – bereiten wir uns auf den Abschluss vor (für Destroyer 666 sind wir leider nicht mehr fit genug), denn ebenso wie ihr Album «Hero» schliessen Bölzer ihr Set in Zürich mit «Chlorophyllia» ab. Dies ist nicht nur einer ihrer besten Songs, sondern auch eines der grandiosesten Album-Abschlusslieder ever ever. Schicksalhaftes wird vielsagend angedeutet, alles entflammt erneut für ein Finale, und als es aus den Verstärkern jault: «...do not despair / see you on the other side», hören wir das Versprechen.

Okoi, der es an dem Abend nicht versäumt hat, allen Beteiligten reichlich zu danken, dem Veranstalter Mehsuff!, den Bands, der Technik und allen Beteiligten, die mithalfen, greift ein letztes Mal zum Mikrofon und schliesst den Auftritt mit folgenden Worten: «Danke Züri!»

Nein, Züri dankt Bölzer.


* * *

Ein Paar Wochen später, als sich Blitz und Donner gelegt haben, erkundige ich mich nach den Eindrücken der «Lokalbands» und frage in Bern, Basel und Züri nach: Wie habt ihr den «XI Years of Lightning»-Abend erlebt? Isa von E-L-R antwortet: «Wir durften das XI Years of Lightning eröffnen und haben uns sehr darüber gefreut, dass schon so früh, so viele Leute da waren und die gute Stimmung unter den Besucherinnen, Besuchern und Bands sich über den ganzen Tag und Abend durchezogen hat. Wir sind sehr dankbar, die Bühne mit diesen Bands und natürlich Bölzer geteilt zu haben!» Witch N a.k.a. Nadine von Ashtar hält fest: «Wir versuchten um 16 Uhr unser Bestes. Der Saal war fast voll, was um diese Zeit nicht selbstverständlich ist – ein tolles Publikum! Der Abend war sowieso ein schönes Treffen der Szene mit vielen bekannten Gesichtern und coolen Bands. Danke, Okoi und Fabian!» Und was sagen die Geburtstagskinder dazu? «Für uns war es ein Abend, der mit Freude und Stolz erfüllt war und da wir auch Gastgeber und Co-Organisatoren waren, lief das Ganze nicht ohne reichlich Anstrengung ab. Hauptsache und Ziel war es, dass alle Besucherinnen und Besucher und eingeladene Künstlerinnen und Künstler eine gute Zeit mit hohem Erinnerungswert hatten. Gemäss allgemeiner Resonanz ging dies erfolgreich in Erfüllung.»

Happy Birthday Bölzer, es lebe hoch, es lebe XI Mal hoch!

Text: Tomi Metalić
Redaktionelle Mitarbeit: Claude Sturzenegger, Patrik Weber
Fotos: Christian Renner