Megadeth & Decapitated @ Halle 622
Vor der Halle 622 sammeln sich Menschen durchmischten Alters, tanken den letzten Rest Sonnenlicht, rauchen Nikotin und diskutieren das Naheliegende. Ein paar Foodstände versorgen direkt von der Arbeit Gekommene mit Grundnahrung, wobei diese sorgsam darauf achten, ihr Bandshirt (der zumeist klassischen Sorte) nicht mit Sauce zu beschmutzen.
Vor nicht allzulanger Zeit spielte METALLICA im ausverkauften Letzigrund Stadion (das wie stets Immergleiche), heuer warten wir auf den Godfather des Thrash höchstpersönlich. Die Karrieren der ehemaligen Weggefährten könnte nicht unterschiedlicher verlaufen sein, sowohl ökonomisch wie kreativ. Wo die einen ihr Potential offenbarten, hinkte der jeweils andere und umgekehrt. Dave Mustaine seinerseits blickt auf siebzehn Studioalben zurück, wovon das letzte, schlicht als Megadeth betitelte, vor nicht allzulanger Zeit veröffentlicht wurde. Der Maestro lässt verlauten, dass es sich mit höchstmöglicher Garantie um den Abschluss einer Ära handelt, danach wolle er sich anderen Projekten widmen. Vorher jedoch begeht er seine Abschiedstournee, die lockerre zwei bis drei Jahre dauern soll. Für einen, den die Gicht plagt, nicht schlecht.
Als Opener stehen DECAPITATED auf dem Programm, jene Technical Death Truppe aus Polen, die seit den späten Neunziger manchen ein Begriff sein wird. Wacław Kiełtyka und Kollegium liefern ein brachiales, mit chirurgischer Präzision ausgeführtes Set, welches dir letzte Anhängsel von Alltagsgedanken gleich mal aus dem Kopf schlägt. Wer dazu noch daran gezweifelt hat, dass angereistes Thrash-Publikum sich nur begrenzt davon begeistern liesse, sieht sich getäuscht. Wenigstens im vorderen Drittel der Halle herrscht ordentlich Bewegung, manche gar «singen» herzhaft mit - oder tun jedenfalls so.
Nach einer kurzweiligen Umbaupause eröffnen MEGADETH mit Tipping Point vom neuen Album, was gleich mal mächtig Stimmung in die Bude bringt. Dave kommt mir bedeutend agiler vor als noch vor ein paar Tagen in Danzig (siehe Bericht), insbesondere was Gitarrenspiel betrifft. Filigran fliegen seine Finger über die Saiten resp. hört es sich so an. Denn irgendwo in der Hallenmitte feststeckend, ist der Saalmix irgendwo auf der gegen unten offenen Katastrophenskala zu bewerten. Bei DECAPITATED war's genauso gewesen. Bässe kriechen bestenfalls wummernd Boden entlang, Mitten bilden schwer erkennbare Knäuel, dafür sind Schlaginstrumente wie Snair und Hihats dominant zu hören. Daves Stimme wirkt eigentümlich dünn, was neueren Songs zugute kommt, jene aus den Neunzigern dafür quasi neu definiert. In My Darkest Hour zum Beispiel oder dem gehypten Tornado of Souls kommt Dringlichkeit des Originals abhanden, was mitunter der Grund sein wird, dass nur wenige Stücke aus den Achtzigern zum Zuge kommen. Die Menge jedoch geht mit, skandiert, bangt und feiert den (womöglich) abtretenden Star, der Metallmusik wie kaum ein anderer mitgestaltete. So oder so ein denkwürdiger Abend.
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